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Der 31. Etappentag mit Ziel Venedig hat es noch einmal in sich. Es gibt zwei Varianten, um von Fossalta de Piave nach Venedig zu kommen. Variante 1: über Jesolo und dann am Meer entlang und mit dem Schiff nach San Marco. Eigentlich braucht man dafür 2 Tage, weil es über 50 km sind. Variante 2: der direkte Weg zum Flughafen Marco Polo, 35 Kilometer und hauptsächlich Landstraße und dann mit dem Schiff in die Stadt aus einem anderen Jahrhundert. Nach der Erfahrung des Vortages mit der flachen und heißen Etappe und den aufgeschwollenen Füßen, entscheide ich mich für die kürzere Variante 2, zumal ich bei einem frühen Start kurz nach 6:00 Uhr noch die Chance habe, meine Frau Hanne vom Flughafen abzuholen.

Um es kurz zu machen, die Etappe war wandertechnisch ein Elend und nur mit der Perspektive zu ertragen, dass es die letzte ist, um nach Venedig zu kommen. Kopf und Körper sind müde und sehnen sich nach Ruhe und danach, endlich ans Ziel zu kommen. 

Aufbruch mit Ziel Venedig

So starte ich kurz nach 06:00 Uhr und dennoch, es wird sehr schnell wieder heiß. Die Füße schwellen erneut und noch mehr als am Vortag an und diesmal sogar so heftig, dass die Schuhe zu klein werden. Da die Schuhe mit der Einlaufphase und dem Weg nach Venedig inzwischen fast 1.000 km auf dem Buckel haben und an vielen Stellen auch gebrochen oder durch Steineinwirkung aufgerissen sind, schneide ich kurzerhand die Seiten auf. So haben die kleinen Zehen wieder Platz und der Druckschmerz an den Seiten lässt erfreulicherweise deutlich nach. Damit ist klar, dass diese Schuhe Venedig nicht mehr verlassen werden, zumal sie auch ein Geruchsniveau erreicht haben, das zum Öffnen der Schuhe eine Atemmaske nahe legt. Soweit die körperlichen Aspekte. Nun zu den psychischen.

Ich hätte mir gewünscht, dass ich mit Euphorie dem Ziel entgegen schwebe, doch dieses Gefühl will sich nicht so recht einstellen. Ich forsche in mir und frage mich, warum das so ist und zwei Aspekte kommen mir immer wieder in den Sinn, die ursächlich dafür sein könnten. 

Das Ziel ist so nah – und doch so fern

Auch wenn ich mir mit München-Venedig zu Fuß einen Lebenstraum erfüllt habe, im Gesamtprojekt ist es erst Halbzeit, weil es ja auch wieder zurück nach München gehen soll. Meine körperliche Verfassung bringt viele Zweifel hervor, ob ich überhaupt zurück laufen kann und möchte. Wobei sich die Frage natürlich nicht wirklich stellt, weil Buchungen für Qnigge Walk&Talk Coachings vorliegen. Und dennoch, die Luft ist erst einmal so richtig raus. Die Motivation weiter zu laufen ist auf dem Nullpunkt, so viel kann ich für mich festhalten.

Und natürlich freue ich mich, meine Frau wieder zu sehen, doch meine Gesamtverfassung trübt auch unser erstes Wiedersehen am Flughafen, weil ich nach knapp 10 Stunden über den heißen Asphalt einfach durch bin. Die letzten Schritte durch den Flughafen zum Wassertaxi sind mühsam und schmerzen. Endlich, endlich, endlich kommt die ersehnte Anlegestelle des Wassertaxis. 

Endlich sitzen. Das kleine Boot schaukelt wie eine Hängematte und mir wird ganz langsam klar, ich habe es fast geschafft. Es ist unwirklich, dass es bis zu diesem Augenblick 31 Wandertage und mit Pausen insgesamt 37 Tage gedauert hat, um über eine Strecke von 674km, 27.920 Höhenmetern nach oben und 27.770 Metern nach unten hierher zu kommen. Mir wird klar, dass ich auch erst jetzt tatsächlich begreife und tief in mir fühle, was die Aussage „Der Weg ist das Ziel“ wirklich bedeutet. 

Brauchen wir überhaupt Ziele?

Ziele zu erreichen ist wunderbar und jeder von uns kennt es. Als Führungskraft erleben wir es ja ganz besonders, wenn wir Budgets, Vorgaben, Meilensteine erreichen. Das ist ein gutes Gefühl, nur eines passiert zeitgleich, die Luft ist raus und es entsteht eine Leere. Manch einer beschreibt den Zustand nach dem Erreichen von großen Zielen fast als Depression, wenn die Kraft des vor einem liegenden Ziels nicht mehr wirken kann, weil es erreicht ist. Und so erlebe ich erneut, dass es nur zweitrangig um das Erreichen dieses einen Zieles gehen kann. Es geht um viel, viel mehr. Es geht um den Weg und das Erleben in dieser Zeit, die Begegnungen, die Freuden und auch das Leiden und die Ängste. Es geht um das Bewusstsein im jeweiligen Augenblick.

Zeitgleich könnte man auf die Idee kommen, dass es dann gar kein Ziel mehr braucht, wenn doch der Weg das Ziel sein soll. Doch auch diese Frage habe ich für mich sehr klar beantwortet. Ziele geben Orientierung, so wie uns Wegpunkte, Regeln, Vereinbarungen eine Orientierung geben. Zum Thema „Wie bekommen Führungskräfte Orientierung“ schreibe ich noch einen eigenen Artikel und verlinke den hier.

Damit komme ich zu dem Schluss, dass wir beides brauchen:
1. Ziele für die Orientierung (zum Setzen von Zielen habe ich schon einmal geschrieben) und
2. das Bewusstsein für die Momente, die wir auf dem Weg dorthin erleben, wie z.B. das Erreichen von Meilensteinen, die notwendigen Korrekturen, die Begegnungen (wie z.B. hier), die Freuden und auch die Schmerzen (bei Etappe 27 zum Beispiel).
All das wird am Ende eine Ressource, eine Kraftquelle, die wir in uns tragen und für zukünftige Abenteuer in unserem Leben verfügbar haben.

Ziel erreicht: Ankunft in Venedig

So ist die Ankunft in Venedig für mich erneut „nur“ das Erreichen eines Meilensteins. Und diese Erkenntnis erfüllt mich inzwischen mit großer Freude, die ich im Moment der Ankunft nur bedingt empfinden kann, weil die körperlichen Einschränkungen das Erleben überlagern. Das zeigt auch, wie wichtig die Reflektion mit etwas Abstand ist, um alle Facetten zu erfassen. Daher habe ich mir auch angewöhnt, die Blogartikel immer mit etwas zeitlichem Abstand zu schreiben, um den Kern des Erlebten in der Rückschau noch besser erfassen zu können.

Und wie gerne erinnere ich mich an den Moment, an dem das Wassertaxi vom Pier am Airport los macht. Die Schwüle des Tages verfliegt, der Fahrtwind und die Gischt kühlen und die Lagune mit ihren Wasserstraßen zeigt sich in voller Größe, bis die ersten Inseln von Venedig sichtbar werden. 

Ich freue mich von Herzen und die Schmerzen sind für den Moment vergessen. Ein buntes Treiben der vielen kleinen und großen Boote, die als Taxi, Bus oder gar als schwimmendes Hotel der Extraklasse vor Venedig unterwegs sind, machen einem sehr schnell klar, dass Venedig eine Stadt ist, die mit nichts auf der Welt vergleichbar ist. Die Fassaden, Paläste, Kirchen und Monumente versetzen uns wie mit einer Zeitmaschine im Nu in ein vor-vorheriges Jahrhundert. Von einer Insel zur nächsten nähern wir uns Schritt für Schritt der Insel San Marco, dem Zentrum Venedigs mit dem Platz aller Plätze. Piazza San Marco, der Markusplatz, das geografische Ziel meiner Reise. 

Der Weg war und ist das Ziel

Es ist ein unglaubliches Gefühl, die letzten vielleicht 1.000 Schritte vom Boot zu dieser monumentalen Piazza zu gehen. Auch wenn ich schon Bilder gesehen hatte, es ist nicht zu vergleichen, diese Fassaden, Figuren, Dächer und Fenster live zu sehen, die in ihrer Originalität einfach einzigartig sind. 

Meine allerletzte Etappe mit Ziel Venedig

Ich danke dem Schicksal, dass ich diese Reise vom Marienplatz in München (Etappe 1) zum Markusplatz in Venedig erleben darf und mir damit ein Erlebnis geschaffen habe, das mich bis zum Ende meiner irdischen Tage erfreuen, bereichern, erfüllen wird. Venedig – das Ziel von 20 Jahren ist erreicht.

Danke an meine Frau, an Birgit, an Jennifer, an Coachees, Freunde, Geschäftspartner und Wegbegleiter für diesen Weg, der noch lange nicht zu Ende ist.

Und wie ich, bzw. wie wir, Venedig erlebt haben und wie es weiter geht, das beschreiben die nachfolgenden Artikel.

Euer Markus F. Weidner

Links:
Meine Tourplanung der 31. Etappe und Tourenverlauf der 31. Etappe mit Fotos
Meine gesamte Tourplanung und Tracking

Videos & Bilder zu Etappe 31

Von der Rifugio Fontana aus bezwinge ich heute den legendären Monte Schiara („die Schiara“ genannt) nördlich von Belluno. Nie zuvor ist es mir so schwer gefallen, Orientierung wiederzufinden, auf dem richtigen Weg zu bleiben und nicht aufzugeben… Doch dieses Erlebnis erzähle ich euch von vorne:

Der heutige Tag sollte eigentlich ein Ruhetag werden. Nach einer erstaunlich guten Nacht in einem Gemeinschaftsquartier wache im morgens auf und fühle mich ausgeruht und kraftvoll. Die Hütte ist zwar ganz nett, doch sie inspiriert mich nicht, einen ganzen Tag dort verbringen zu wollen. So starte ich als letzter Hüttengast relativ spät gegen 08:00 mit dem Gedanken, den Rest des Tages vielleicht in der nächsten Hütte zu verbringen. Die Wirtin fragt mich noch, ob ich heute die Schiara mache, wobei ich sehr schnell verneine. Beim Begriff Schiara habe ich auch noch kein wirkliches Bild im Kopf, was das bedeutet. Doch das soll sich in den nächsten 12 Stunden deutlich ändern.

Die Beschreibungen in den Reiseführern zur Schiara hatten mich nicht wirklich erreicht, mir war nur ins Bewusstsein gelangt, dass für viele Venedig-Wanderer die Schiara schon gar nicht mehr in die Tour eingeplant wird und die Möglichkeit besteht, von der nächsten Hütte mit dem Bus bequem weiterzureisen. Da ich ja die Schiara heute nicht bezwingen wollte, habe ich auch nur sehr oberflächlich gelesen. Das Massiv des Berges ist 2.565 Meter hoch und ist das letzte Bollwerk, wenn man die Alpen mit Ziel Venedig überquert. Dass es Ferratas (Klettersteige) geben sollte, war mir bekannt, so weit so gut. 

Entscheidung für den Monte Schiara

Also wandere ich einfach darauf los, Ziel des Tages ist die nächste Hütte. Nach zwei lockeren Stunden mit einer relativ leichten Bergüberschreitung komme ich zur Rifugio Furio Bianchet. Ja und hier trennen sich die Wege von einigen Wanderern, die ich letzte Nacht noch in der Rifugio Fontana kennengelernt hatte. Gegen 11:00 Uhr an dieser Hütte angekommen, mache ich meine übliche Pause, um Kohlenhydrate nachzuladen mit Cola, Kuchen und einem Kaffee. Ein Teil meiner Routine nach 26 Wander-Etappen.

Körperlich fühle ich mich gut und ich merke, dass ich auch bei dieser Hütte nicht bleiben möchte. Sie liegt im Tal, die Sonne würde früh untergehen und so schaue ich in die Tourenplanung und sehe, dass die Distanz und auch die Höhenmeter zur Schiara keine Werte anzeigen, die mich hätten zweifeln lassen, dass ich die Tour fortsetze und gut bewältigen werde. Kurzer Check bei den Damen in der Hütte, ob die Schiara offen ist. Ich erhalte ein „Ja“ und die Frage, ob ich ein Klettersteig-Set dabei habe. Das kann ich bestätigen und so bunkere ich noch etwas Cola und mache mich auf den Weg.

Mein Weg ohne Orientierung

rot-weiße Weg-Markierungen

Der Aufstieg auf die Schiara ist sehr steil, steiler als das, was ich bisher in den Beinen hatte. Mühsam, heiß, kleine Schritte durch den Wald, immer wieder ein herrlicher Blick, der mit fortschreitender Höhe immer schöner wird. Die Baumgrenze liegt hinter mir und wie schon häufiger geht es in die steilen Felswüsten. Der Weg ist fordernd und ich merke immer wieder, dass ich die rot-weißen Markierungen aus den Augen verliere, die den richtigen Weg anzeigen. Die Markierungen sorgen für Orientierung in den Bergen, wenn die Sicht witterungsbedingt schwierig ist oder man auch den Karten nicht zu 100% trauen kann. Je höher ich komme, desto problematischer ist es, wenn man die Markierungen nicht sieht, doch immer wieder trifft sich mein Steigweg mit dem offiziellen Weg und den Markierungen. Der Aufstieg ist härter und dauert länger als gedacht. Das Wetter ist (noch) gut und dunkle Wolken sind in weiter Ferne. 

Ich treffe auf eine Gruppe absteigender Wanderer, die die Schiara in umgekehrter Richtung hinter sich haben. Wir grüßen uns und sprechen miteinander. Ich berichte, dass ich eigentlich erst morgen diesen Abschnitt machen wollte, doch mich gut fühle und mich so auf den Weg gemacht habe. Sie bestätigen, dass es gut sei, wenn man in Form wäre. Sie seien hier zu Hause und machen die Tour öfters. Ich denke mir nichts dabei, weil es für eine Alpenüberquerung ohnehin sehr ratsam ist, gut in Form zu sein. Später sollte ich noch erkennen, was diese Bemerkung meint.

„Versteig Di net“, so hatte mich ein Bauer verabschiedet, mit dem ich auf meinem Weg aus den Felber-Tauern vor Matrei ins Gespräch kam. Immer wieder kommen mir diese Worte in den Sinn, wenn ich die rot-weißen Markierungen „verliere“. Noch ist mir nicht klar, welche gravierende Bedeutung dieser Abschiedssatz bekommen soll. Inzwischen bin ich auf gut 2.100 Meter und wieder verliere ich die rot-weiße Markierung aus den Augen, doch es ist mir nicht bewusst, weil ich eine Pause mache, Kohlehydrate zu mir nehme und das Gurtzeug anlege, weil ich bald mit Klettersteigen rechne. Ich starte wieder und folge den Spuren im Geröll, merke allerdings, dass es nicht der Weg sein kann. Beide meiner Systeme zur Orientierung zeigen auch, dass ich nicht mehr auf dem Weg bin, wobei GPS und Iridiumnetz unterschiedliche Positionen zeigen. 

„Versteig Di net!“ – und wieder ist es passiert. Wer selbst schon in den Bergen unterwegs war, der wird sich erinnern, wie leicht man bei der Konzentration auf den nächsten Schritt den richtigen Weg aus den Augen verliert. Mein Gedanke: Ruhe bewahren, umkehren und so lange zurück gehen, bis die Markierungen wieder da sind. Und endlich, nach endlosen ca. 75 Metern bin ich wieder auf dem Weg und kann es kaum fassen, dass ich am Einstieg zum Klettersteig vorbeimarschiert bin. Es frustriert mich, dass ich gut eine halbe Stunde Zeit verloren habe, wo der Aufstieg doch ohnehin schon länger gedauert hatte als geplant. 

Kräftezehrende Klettersteige

Der Einstieg in den Klettersteig ist schon abenteuerlich und es beginnt eine Phase von 5 Stunden höchster mentaler Anspannung, körperlicher Anstrengung und Ängsten, die ich in dieser Form noch nie zuvor in meinem Leben erfahren habe. Alle verfügbaren Ressourcen, Erfahrungen, Routinen und Disziplin sind notwendig, um diesen nun folgenden Weg gesund zu durchstehen. Zunächst folgt ein Aufstieg auf 2.350 Meter Höhe, fast nur im Klettersteig. Zu allem Überfluss zieht das Wetter innerhalb kürzester Zeit zu und ich komme in ein heftiges Gewitter, quasi kurz vor dem höchsten Punkt des Tages auf 2.300 Meter Höhe. Hinter mir Klettersteige und vor mir, keine Ahnung was. Klar ist, man sollte bei Gewitter nicht im Klettersteig sein, daher ist ein Rückstieg an dieser Stelle nicht mehr sinnvoll. Also Regenzeug und Handschuhe anziehen. Wie froh bin ich, dass ich die schweren Lederhandschuhe, die nun zum Einsatz kommen, inzwischen schon über 400 km bis hier hin getragen habe. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist, dass mir weitere über 900 Meter Abstieg über Klettersteige bevorstehen.

Es kommt, wie es kommen muss, zig Unwägbarkeiten fallen zusammen. Wetter, fortschreitende Zeit, schwerster Weg und Markierungen, die ich wieder übersehe, so dass ich im weiteren Verlauf drei Mal in schwierigstem Gelände auf 2.300 Meter Höhe die Markierungen verliere, vom richtigen Weg abkomme und falsch absteige. „Versteig Di net!“ hämmert es in meinem Kopf. Mein GPS ist in diesem Gelände überfordert und ist nicht mehr hilfreich, um meine Position zu bestimmen. Gut, dass ich mit dem GARMIN Inreach ein Profigerät bei mir habe, das mir anzeigt, dass ich falsch bin. Also wieder umkehren, zurücksteigen und nach der richtigen Markierung suchen.

Die wichtigste Bergregel: Wenn Du vom Weg abgekommen bist, gehe zurück, bis Du wieder die Markierung hast.

Das Fatale ist, dass durch Tiere oder vorherige Wanderer Wege ausgetreten sind, die keine sind. Ich lerne auch, dass ein Gipfel nicht nur eine Spitze haben muss. Die Schiara besteht am Gipfel aus einem Labyrinth von Türmen, Zerklüftungen und Schluchten, über die man auf-, ab- und quersteigen muss, um rüber zu kommen. Endlos steige ich auf, ab und quer, konzentriere mich nicht mehr nur auf die Wegschritte, sondern achte mehr denn je auf die Markierungen und freue mich über jede Seilversicherung, weil damit der Weg nicht zu verfehlen ist. Dennoch ist die Orientierung extrem schwer und es fühlt sich an wie in der Waschmaschine. Am Ende ist auch der Abstieg über 900 Höhenmeter am Seil im Klettersteig geschafft und ich bin heil froh, dass ich die Nerven behalten habe und immer wieder erkannt habe, wenn ich auf einem falschen Weg war, und umgekehrt bin, auch wenn es Kräfte gekostet hat.

Ängste und Dankbarkeit

Was die Situation für mich in diesem Moment mental ungeheuer erschwert, das ist die Gewissheit, dass wenn ich die Fehler nicht rechtzeitig erkenne und korrigiere, diese Reise die letzte ist, die ich je gemacht habe. Dieses Bewusstsein ist krass und macht etwas mit mir. Noch nie in meinem Leben zuvor hatte ich Todesangst. Noch nie zuvor bin ich so nahe und bewusst an einem Punkt gewesen, bei dem falsche Entscheidungen tödlich enden können. Weder im Auto, noch auf dem Motorrad war es mir je so bewusst, dass das Leben lebensgefährlich ist und wie sehr ich am Leben hänge. „Versteig di net!“ Ich konnte nicht ahnen, welche Bedeutung dieser eine Satz bekommen hatte.

Am Ende ist es gut ausgegangen. Nach 12 Stunden unterwegs war es der längste Tag auf meiner bisherigen Tour und ich schlafe mit großer Dankbarkeit für das Leben abends ein. In den folgenden Tagen bearbeite ich diese Erlebnisse im Schlaf und auch im Wachbewusstsein immer wieder nach – auch deshalb schreibe ich erst nachträglich hierüber. Dieser Tag hat besondere Spuren hinterlassen, das ist gewiss.

In der Retrospektive stelle ich mir auch die Frage: Was habe ich falsch gemacht? Ich komme zu dem Schluss, dass ich sehr vieles richtig gemacht habe, in der Investition in technische Geräte, Kleidung, Ausbildungen und Kurse, die ich in Vorbereitung auf diese Reise in den Bergen gemacht habe, körperliches Training eingeschlossen. Alles war richtig und wichtig! Was mir in der Situation selbst geholfen hat, das ist gnadenlose Disziplin und Konzentration auf das wirklich Wesentliche. Ich liebe rot-weiße Markierungen und Klettersteigseile. Dass der Klettersteig an manchen Stellen unzulänglich war, sei nur noch am Rande erwähnt. Die Klettersteige der Schiara erfordern ein gerüttelt Maß an Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Kletterfähigkeit für ungesicherte Passagen – auch das soll an dieser Stelle noch formuliert sein für jeden, der eine Besteigung der Schiara in Betracht zieht. Und doch, einen Fehler habe auch ich gemacht: Ich habe mich aus der bisherigen guten Erfahrung auf die Planungsinstrumente verlassen, die ich bisher erfolgreich genutzt hatte. 

Meine Learnings für die Berge und den Alltag

Was mache ich jetzt anders als zuvor:

  • ich spreche mit lokalen Kennern über meine geplante Tour und frage nach Besonderheiten
  • ich nutze zusätzliches Kartenmaterial und Informationen, um Herausforderungen noch besser vorab erkennen und einschätzen zu können
  • vergleichbare Touren werde ich auch zukünftig nur alleine oder mit erfahrenen Gefährten machen

Übertragen auf das Thema Führung ist mein Learning:

Auch wenn wir bisher gut durchs Leben gekommen sind – mit den Tools und Methoden, die wir anwenden -, wir dürfen nicht leichtsinnig werden. Es können schwierige Situationen auftreten, auf die wir vorbereitet sein müssen, um diese gut zu überstehen. Dazu brauchen wir vor allem Ressourcen, die abrufbar sind, wenn es darauf ankommt.

Ein weiteres Learning: Wir alle brauchen Orientierung! In den Bergen zeigen uns die rot-weißen Markierungen, ob wir noch den begehbaren Pfaden folgen und auf dem richtigen Weg sind.

Im Arbeitsalltag sind die Führungskräfte die „Leuchttürme“, die „Markierungen“, an denen sich die Mitarbeitenden orientieren und die durch Führung den anvertrauten Menschen Richtung und Sicherheit geben, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen.

Ich danke den Kräften, die es mir ermöglicht haben, das Abenteuer Schiara heil zu überstehen. Euch wünsche ich ein „Versteig Di net!“ und achtet stets auf den richtigen Weg im Leben, beruflich wie privat – auch ohne rot-weiße Markierungen.

Euer Markus F. Weidner

Links:
Meine Tourplanung der 27. Etappe und Tourenverlauf der 27. Etappe mit Fotos
Meine gesamte Tourplanung und Tracking

Videos & Bilder zu Etappe 27

Eindrücke vom heutigen Tag
Weg auf Bergkamm

Heute auf dem Weg von der Porzehütte zur Oberstansersee-Hütte kommen zwei neue Führungskräfte-Coachees hinzu, sodass wir nun wieder zu viert sind. Unterwegs besteigen wir den Kinigat, wo es für mich bei der tollen Aussicht wieder einmal an der Zeit ist, einen Blick nach vorne und einen Blick zurück zu werfen. Ich zeige euch hier, wo wir herkommen und in welche Richtung es weitergehen wird:

Ich nehme euch mit auf den Berg… (Blick nach vorne und zurück – vom Kinigat aus)

Auch in unserem Alltag sollten wir genau das, was ich in dem Fall wörtlich nehme, regelmäßig tun: Wir sollten einen Blick auf das werfen und darüber reflektieren, was wir zum aktuellen Zeitpunkt bereits erreicht haben. Das hilft uns, wieder das große Ganze zu sehen und die Dinge in Relation zu setzen. Wir erkennen, wie weit wir bisher gekommen sind auf dem Weg, den wir eingeschlagen haben und können das bewerten. War der Weg der richtige? Sind wir überhaupt noch auf dem Weg? Welche Kurven haben wir genommen, welche Hürden und Felsen überwunden?

Der Blick nach vorne hilft uns dabei, unsere Ziele nicht aus den Augen zu lassen. In meinem Fall führt mich mein Weg nach Venedig – im Führungskontext brauchen wir auch Ziele, auf die wir unseren Weg ausrichten können. Wenn wir nun innehalten und nach vorn schauen, können wir bewerten, wo wir aktuell mit Blick auf das nächste Ziel (zum Thema kleine Ziele stecken habe ich bereits geschrieben) stehen. Darauf hin können wir dann wieder unseren Weg anpassen, sehen, ob wir mal eine größere Reflektionspause brauchen oder bewerten, ob wir unsere Ressourcen anders einteilen (oder Ressourcen schonen) müssen, damit wir das Ziel erreichen können.

Wann hast Du zuletzt einen reflektierten Blick nach vorne und zurück geworfen? Nimm Dir die Zeit dazu, rate ich Dir.

Euer Markus F. Weidner

Links:
Meine Tourplanung der 19. Etappe  und Tourverlauf der 19. Etappe mit Fotos
Meine gesamte Tourplanung und Tracking

Bilder zu Etappe 19