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Von der Rifugio Fontana aus bezwinge ich heute den legendären Monte Schiara („die Schiara“ genannt) nördlich von Belluno. Nie zuvor ist es mir so schwer gefallen, Orientierung wiederzufinden, auf dem richtigen Weg zu bleiben und nicht aufzugeben… Doch dieses Erlebnis erzähle ich euch von vorne:

Der heutige Tag sollte eigentlich ein Ruhetag werden. Nach einer erstaunlich guten Nacht in einem Gemeinschaftsquartier wache im morgens auf und fühle mich ausgeruht und kraftvoll. Die Hütte ist zwar ganz nett, doch sie inspiriert mich nicht, einen ganzen Tag dort verbringen zu wollen. So starte ich als letzter Hüttengast relativ spät gegen 08:00 mit dem Gedanken, den Rest des Tages vielleicht in der nächsten Hütte zu verbringen. Die Wirtin fragt mich noch, ob ich heute die Schiara mache, wobei ich sehr schnell verneine. Beim Begriff Schiara habe ich auch noch kein wirkliches Bild im Kopf, was das bedeutet. Doch das soll sich in den nächsten 12 Stunden deutlich ändern.

Die Beschreibungen in den Reiseführern zur Schiara hatten mich nicht wirklich erreicht, mir war nur ins Bewusstsein gelangt, dass für viele Venedig-Wanderer die Schiara schon gar nicht mehr in die Tour eingeplant wird und die Möglichkeit besteht, von der nächsten Hütte mit dem Bus bequem weiterzureisen. Da ich ja die Schiara heute nicht bezwingen wollte, habe ich auch nur sehr oberflächlich gelesen. Das Massiv des Berges ist 2.565 Meter hoch und ist das letzte Bollwerk, wenn man die Alpen mit Ziel Venedig überquert. Dass es Ferratas (Klettersteige) geben sollte, war mir bekannt, so weit so gut. 

Entscheidung für den Monte Schiara

Also wandere ich einfach darauf los, Ziel des Tages ist die nächste Hütte. Nach zwei lockeren Stunden mit einer relativ leichten Bergüberschreitung komme ich zur Rifugio Furio Bianchet. Ja und hier trennen sich die Wege von einigen Wanderern, die ich letzte Nacht noch in der Rifugio Fontana kennengelernt hatte. Gegen 11:00 Uhr an dieser Hütte angekommen, mache ich meine übliche Pause, um Kohlenhydrate nachzuladen mit Cola, Kuchen und einem Kaffee. Ein Teil meiner Routine nach 26 Wander-Etappen.

Körperlich fühle ich mich gut und ich merke, dass ich auch bei dieser Hütte nicht bleiben möchte. Sie liegt im Tal, die Sonne würde früh untergehen und so schaue ich in die Tourenplanung und sehe, dass die Distanz und auch die Höhenmeter zur Schiara keine Werte anzeigen, die mich hätten zweifeln lassen, dass ich die Tour fortsetze und gut bewältigen werde. Kurzer Check bei den Damen in der Hütte, ob die Schiara offen ist. Ich erhalte ein „Ja“ und die Frage, ob ich ein Klettersteig-Set dabei habe. Das kann ich bestätigen und so bunkere ich noch etwas Cola und mache mich auf den Weg.

Mein Weg ohne Orientierung

rot-weiße Weg-Markierungen

Der Aufstieg auf die Schiara ist sehr steil, steiler als das, was ich bisher in den Beinen hatte. Mühsam, heiß, kleine Schritte durch den Wald, immer wieder ein herrlicher Blick, der mit fortschreitender Höhe immer schöner wird. Die Baumgrenze liegt hinter mir und wie schon häufiger geht es in die steilen Felswüsten. Der Weg ist fordernd und ich merke immer wieder, dass ich die rot-weißen Markierungen aus den Augen verliere, die den richtigen Weg anzeigen. Die Markierungen sorgen für Orientierung in den Bergen, wenn die Sicht witterungsbedingt schwierig ist oder man auch den Karten nicht zu 100% trauen kann. Je höher ich komme, desto problematischer ist es, wenn man die Markierungen nicht sieht, doch immer wieder trifft sich mein Steigweg mit dem offiziellen Weg und den Markierungen. Der Aufstieg ist härter und dauert länger als gedacht. Das Wetter ist (noch) gut und dunkle Wolken sind in weiter Ferne. 

Ich treffe auf eine Gruppe absteigender Wanderer, die die Schiara in umgekehrter Richtung hinter sich haben. Wir grüßen uns und sprechen miteinander. Ich berichte, dass ich eigentlich erst morgen diesen Abschnitt machen wollte, doch mich gut fühle und mich so auf den Weg gemacht habe. Sie bestätigen, dass es gut sei, wenn man in Form wäre. Sie seien hier zu Hause und machen die Tour öfters. Ich denke mir nichts dabei, weil es für eine Alpenüberquerung ohnehin sehr ratsam ist, gut in Form zu sein. Später sollte ich noch erkennen, was diese Bemerkung meint.

„Versteig Di net“, so hatte mich ein Bauer verabschiedet, mit dem ich auf meinem Weg aus den Felber-Tauern vor Matrei ins Gespräch kam. Immer wieder kommen mir diese Worte in den Sinn, wenn ich die rot-weißen Markierungen „verliere“. Noch ist mir nicht klar, welche gravierende Bedeutung dieser Abschiedssatz bekommen soll. Inzwischen bin ich auf gut 2.100 Meter und wieder verliere ich die rot-weiße Markierung aus den Augen, doch es ist mir nicht bewusst, weil ich eine Pause mache, Kohlehydrate zu mir nehme und das Gurtzeug anlege, weil ich bald mit Klettersteigen rechne. Ich starte wieder und folge den Spuren im Geröll, merke allerdings, dass es nicht der Weg sein kann. Beide meiner Systeme zur Orientierung zeigen auch, dass ich nicht mehr auf dem Weg bin, wobei GPS und Iridiumnetz unterschiedliche Positionen zeigen. 

„Versteig Di net!“ – und wieder ist es passiert. Wer selbst schon in den Bergen unterwegs war, der wird sich erinnern, wie leicht man bei der Konzentration auf den nächsten Schritt den richtigen Weg aus den Augen verliert. Mein Gedanke: Ruhe bewahren, umkehren und so lange zurück gehen, bis die Markierungen wieder da sind. Und endlich, nach endlosen ca. 75 Metern bin ich wieder auf dem Weg und kann es kaum fassen, dass ich am Einstieg zum Klettersteig vorbeimarschiert bin. Es frustriert mich, dass ich gut eine halbe Stunde Zeit verloren habe, wo der Aufstieg doch ohnehin schon länger gedauert hatte als geplant. 

Kräftezehrende Klettersteige

Der Einstieg in den Klettersteig ist schon abenteuerlich und es beginnt eine Phase von 5 Stunden höchster mentaler Anspannung, körperlicher Anstrengung und Ängsten, die ich in dieser Form noch nie zuvor in meinem Leben erfahren habe. Alle verfügbaren Ressourcen, Erfahrungen, Routinen und Disziplin sind notwendig, um diesen nun folgenden Weg gesund zu durchstehen. Zunächst folgt ein Aufstieg auf 2.350 Meter Höhe, fast nur im Klettersteig. Zu allem Überfluss zieht das Wetter innerhalb kürzester Zeit zu und ich komme in ein heftiges Gewitter, quasi kurz vor dem höchsten Punkt des Tages auf 2.300 Meter Höhe. Hinter mir Klettersteige und vor mir, keine Ahnung was. Klar ist, man sollte bei Gewitter nicht im Klettersteig sein, daher ist ein Rückstieg an dieser Stelle nicht mehr sinnvoll. Also Regenzeug und Handschuhe anziehen. Wie froh bin ich, dass ich die schweren Lederhandschuhe, die nun zum Einsatz kommen, inzwischen schon über 400 km bis hier hin getragen habe. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist, dass mir weitere über 900 Meter Abstieg über Klettersteige bevorstehen.

Es kommt, wie es kommen muss, zig Unwägbarkeiten fallen zusammen. Wetter, fortschreitende Zeit, schwerster Weg und Markierungen, die ich wieder übersehe, so dass ich im weiteren Verlauf drei Mal in schwierigstem Gelände auf 2.300 Meter Höhe die Markierungen verliere, vom richtigen Weg abkomme und falsch absteige. „Versteig Di net!“ hämmert es in meinem Kopf. Mein GPS ist in diesem Gelände überfordert und ist nicht mehr hilfreich, um meine Position zu bestimmen. Gut, dass ich mit dem GARMIN Inreach ein Profigerät bei mir habe, das mir anzeigt, dass ich falsch bin. Also wieder umkehren, zurücksteigen und nach der richtigen Markierung suchen.

Die wichtigste Bergregel: Wenn Du vom Weg abgekommen bist, gehe zurück, bis Du wieder die Markierung hast.

Das Fatale ist, dass durch Tiere oder vorherige Wanderer Wege ausgetreten sind, die keine sind. Ich lerne auch, dass ein Gipfel nicht nur eine Spitze haben muss. Die Schiara besteht am Gipfel aus einem Labyrinth von Türmen, Zerklüftungen und Schluchten, über die man auf-, ab- und quersteigen muss, um rüber zu kommen. Endlos steige ich auf, ab und quer, konzentriere mich nicht mehr nur auf die Wegschritte, sondern achte mehr denn je auf die Markierungen und freue mich über jede Seilversicherung, weil damit der Weg nicht zu verfehlen ist. Dennoch ist die Orientierung extrem schwer und es fühlt sich an wie in der Waschmaschine. Am Ende ist auch der Abstieg über 900 Höhenmeter am Seil im Klettersteig geschafft und ich bin heil froh, dass ich die Nerven behalten habe und immer wieder erkannt habe, wenn ich auf einem falschen Weg war, und umgekehrt bin, auch wenn es Kräfte gekostet hat.

Ängste und Dankbarkeit

Was die Situation für mich in diesem Moment mental ungeheuer erschwert, das ist die Gewissheit, dass wenn ich die Fehler nicht rechtzeitig erkenne und korrigiere, diese Reise die letzte ist, die ich je gemacht habe. Dieses Bewusstsein ist krass und macht etwas mit mir. Noch nie in meinem Leben zuvor hatte ich Todesangst. Noch nie zuvor bin ich so nahe und bewusst an einem Punkt gewesen, bei dem falsche Entscheidungen tödlich enden können. Weder im Auto, noch auf dem Motorrad war es mir je so bewusst, dass das Leben lebensgefährlich ist und wie sehr ich am Leben hänge. „Versteig di net!“ Ich konnte nicht ahnen, welche Bedeutung dieser eine Satz bekommen hatte.

Am Ende ist es gut ausgegangen. Nach 12 Stunden unterwegs war es der längste Tag auf meiner bisherigen Tour und ich schlafe mit großer Dankbarkeit für das Leben abends ein. In den folgenden Tagen bearbeite ich diese Erlebnisse im Schlaf und auch im Wachbewusstsein immer wieder nach – auch deshalb schreibe ich erst nachträglich hierüber. Dieser Tag hat besondere Spuren hinterlassen, das ist gewiss.

In der Retrospektive stelle ich mir auch die Frage: Was habe ich falsch gemacht? Ich komme zu dem Schluss, dass ich sehr vieles richtig gemacht habe, in der Investition in technische Geräte, Kleidung, Ausbildungen und Kurse, die ich in Vorbereitung auf diese Reise in den Bergen gemacht habe, körperliches Training eingeschlossen. Alles war richtig und wichtig! Was mir in der Situation selbst geholfen hat, das ist gnadenlose Disziplin und Konzentration auf das wirklich Wesentliche. Ich liebe rot-weiße Markierungen und Klettersteigseile. Dass der Klettersteig an manchen Stellen unzulänglich war, sei nur noch am Rande erwähnt. Die Klettersteige der Schiara erfordern ein gerüttelt Maß an Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Kletterfähigkeit für ungesicherte Passagen – auch das soll an dieser Stelle noch formuliert sein für jeden, der eine Besteigung der Schiara in Betracht zieht. Und doch, einen Fehler habe auch ich gemacht: Ich habe mich aus der bisherigen guten Erfahrung auf die Planungsinstrumente verlassen, die ich bisher erfolgreich genutzt hatte. 

Meine Learnings für die Berge und den Alltag

Was mache ich jetzt anders als zuvor:

  • ich spreche mit lokalen Kennern über meine geplante Tour und frage nach Besonderheiten
  • ich nutze zusätzliches Kartenmaterial und Informationen, um Herausforderungen noch besser vorab erkennen und einschätzen zu können
  • vergleichbare Touren werde ich auch zukünftig nur alleine oder mit erfahrenen Gefährten machen

Übertragen auf das Thema Führung ist mein Learning:

Auch wenn wir bisher gut durchs Leben gekommen sind – mit den Tools und Methoden, die wir anwenden -, wir dürfen nicht leichtsinnig werden. Es können schwierige Situationen auftreten, auf die wir vorbereitet sein müssen, um diese gut zu überstehen. Dazu brauchen wir vor allem Ressourcen, die abrufbar sind, wenn es darauf ankommt.

Ein weiteres Learning: Wir alle brauchen Orientierung! In den Bergen zeigen uns die rot-weißen Markierungen, ob wir noch den begehbaren Pfaden folgen und auf dem richtigen Weg sind.

Im Arbeitsalltag sind die Führungskräfte die „Leuchttürme“, die „Markierungen“, an denen sich die Mitarbeitenden orientieren und die durch Führung den anvertrauten Menschen Richtung und Sicherheit geben, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen.

Ich danke den Kräften, die es mir ermöglicht haben, das Abenteuer Schiara heil zu überstehen. Euch wünsche ich ein „Versteig Di net!“ und achtet stets auf den richtigen Weg im Leben, beruflich wie privat – auch ohne rot-weiße Markierungen.

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 27. Etappe und Tourenverlauf der 27. Etappe mit Fotos
Meine gesamte Tourplanung und Tracking

Videos & Bilder zu Etappe 27

Eindrücke vom heutigen Tag

Inzwischen ist ein gerüttelt Maß an Routine eingekehrt und doch habe ich beim Abstieg von der Hütte Giovanni Angelini wieder herausfordernde Klettersteige zu überwinden und jeder Schritt, jede Sicherung fordert 100% Aufmerksamkeit. Auch im Berufsleben und als Führungskraft sind wir in unseren Routinen, in der Komfortzone. Es fühlt sich alles sehr gewohnt an und dennoch braucht es in allen Belangen jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und für jede Handlung die notwendige Sorgfalt und Aufmerksamkeit, um Fehler zu vermeiden. Und dennoch können falsche Entscheidungen korrigiert werden, wenn Fehler entstanden sind. Diese Wahrnehmung und Erkenntnis am Vormittag soll sich nach einer sehr motivierenden Begegnung mit Reno und Gwen aus Treviso bzw. Frankfurt nochmals am Nachmittag ins Bewusstsein bringen. Doch zunächst die Geschichte von zwei wunderbaren Menschen, mit denen ich zur Mittagspause auf der Refugio Pramper zusammentreffe.

Ich frage, ob an dem Tisch der beiden noch ein Platz frei ist und wir kommen schnell ins Gespräch. Wie sich herausstellt, sind beide Purser, also Chefsteward/ess, bei einer großen deutschen Airline. Führungskräfte, die dafür verantwortlich sind, dass die Kabinen-Crew, die für jeden Dienstzyklus immer wieder neu zusammengestellt wird, von der ersten Minute an funktioniert. Jeder im Team muss mit Aufmerksamkeit und Sorgfalt seine Aufgaben, seine Routinen abarbeiten, damit die Reise für den Fluggast so angenehm wie möglich ist. Hier ist Führung par excellence gefordert. 

Das Paar hat sich vor gut einem Jahr entschieden, die Wohnung in der Nähe von Frankfurt aufzugeben und an einen Ort zu ziehen, der einen hohen Lebenswert hat. Da alle Einsätze von Frankfurt aus geflogen werden, muss dieser Ort einen Flughafen mit einer gewissen Frequenz nach Frankfurt haben, da die beiden eben nicht mit der S-Bahn oder dem Auto, sondern mit dem Flieger zur Arbeit anreisen. Die Wahl ist auf Treviso gefallen. Das Experiment ist bisher geglückt, sie haben Anschluss gefunden, leben in einer pulsierenden italienischen Stadt nahe den Bergen, nahe an Venedig und der Adria. Ein Lebensmodell, das nicht alltäglich ist und Mut erfordert, etwas auszuprobieren. Und wenn es nicht funktioniert, dann muss man die Entscheidung korrigieren.

Wenn man darüber nachdenkt, gibt es wenige Entscheidungen im Leben, die nicht korrigierbar wären, wenn sich herausstellt, dass man falsch entschieden hat. Und auch das ist eine wichtige Führungseigenschaft, falsche Entscheidungen zu korrigieren. Doch diese Lektion sollte ich erst am Folgetag unter schwersten Bedingungen lernen. Ich bin Reno sehr dankbar für einen Dialog, den wir in den folgenden Tagen geführt haben. Ich habe in ihm einen Sparringspartner gefunden, der die Berge und das, was hier alles passieren kann, aus eigener Erfahrung bewerten und einordnen kann. Wir brechen nach dem  Mittagessen gemeinsam auf, haben noch einige Meter, die wir gemeinsam marschieren, bevor sich unsere Wege wieder trennen.

schwierige Witterungsbedingungen hier über den Wolken

Ich habe einen Aufstieg vor mir, der sich als noch herausfordernder erweisen wird, als es das Studium der Karte hätte vermuten lassen. So zieht sich der Gedanke von Sorgfalt und Aufmerksamkeit über den gesamten Nachmittag, weil das Gelände schwierig und auch das Wetter nicht mehr ganz klar ist. Die Tour führt mich über die Wolken – Regen, Gewitter und Wind machen mir das Leben schwerer als gedacht, so dass ich fast 12 Stunden unterwegs bin, bis ich mein Ziel erreiche. Mit hoher Konzentration, Sorgfalt und Aufmerksamkeit in der absoluten Wanderroutine komme ich auch am 26. Wandertag gesund an mein Ziel, wobei ich merke, wie herausfordernd diese tägliche Routine ist.

Soweit mein heutiges Erleben,

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 26. Etappe und Tourenverlauf der 26. Etappe mit Fotos
Meine gesamte Tourplanung und Tracking

Videos & Bilder zu Etappe 26

Zusammenfassung von Etappe 26
Mein Anblick den Berg hinauf und hinab

Heute hat mich mein Weg zur Abwechslung mal nicht hauptsächlich über nackten Fels und hohe Gipfel, sondern viel durch den Wald geführt, bis zur Rifugio Giovanni Angelini im Val di Zoldo. Eine Hütte mitten im Wald. Hier sind aktuell nur drei Menschen: die Wirtsleute und ich. Stille pur und eine beeindruckende Kulisse.

Und genau das ist es, was uns im Alltäglichen fehlt:

Stille.

Ruhe.

Einsamkeit.

Um uns herum ist so viel Lärm-Müll: Verkehrslärm von Autos, Flugzeugen, Zügen (je nachdem, wo wir leben). Oft auch laute Musik, Menschen, die laut reden oder schreien, abends der Fernseher, das Radio, Streaming-Dienste – wir hören so viel und doch hören wir nichts. Wann habt ihr schonmal zuletzt wirkliche Stille genossen? Rein gar nichts gehört? Außer vielleicht dem vereinzelten Gesang von Vögeln. Hier oben in der Hütte habe ich sie, wie ab und an auf dieser Reise, gefunden, die Stille. Und wir Menschen brauchen mehr von dieser Ruhe, um uns wieder auf das zu fokussieren, was wirklich wichtig ist. Die leisen Dinge (oder auch Menschen) im Leben, so auch im Führungsalltag. Stattdessen hören wir viel zu oft den (oder das), der am lautesten schreit.

Dreht das doch mal um und sorgt für mehr Stille im Leben.

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 25. Etappe und Tourenverlauf der 25. Etappe mit Fotos
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Videos und Bilder zu Etappe 25

Zusammenfassung von Etappe 25

Meine heutige Tour von der Rifugio Croda da Lago aus habe ich um 15:30 Uhr nach netto fünfeinhalb Stunden Wanderzeit und knapp 16 km abgebrochen, weil ich körperlich sehr erschöpft war. Nach einem noch moderaten Anstieg über Cortina und dem Wechsel ins nächste Tal hatte ich einen traumhaften, aber schweren und steilen Aufstieg auf 2.500 m und dann den Abstieg bis auf 1.900 m und das hat an meinen Kräften gezehrt. So steht die heutige Etappe unter dem Motto Ressourcen verwalten und nicht überstrapazieren, um nicht auszubrennen bzw. ins Übertraining zu kippen.

Das ist mein heutiges Learning, was wir auch als Führungskraft zu beachten haben: Wer über seine Kräfte geht, der schießt sich raus. Die Natur ist ohne Gnade, wenn wir Grenzen längerfristig unklug überziehen. Dabei gilt es zu beachten, dass wir uns natürlich fordern dürfen und müssen, um uns zu entwickeln. Belastung und Entlastung im Wechsel, das habe ich heute sehr bewusst erlebt. Dafür habe ich mir die Freiheit genommen, das Ziel der Tagesetappe zu kippen, um das übergeordnete Ziel nicht zu gefährden.

Eindrücke von der heutigen kräftezehrenden Etappe

Mittlerweile bin ich in der Rifugio Venezia angekommen und hab mich nach einem Teller Nudeln und einem fetten Kuchen erst mal zwei Stunden schlafen gelegt. Das hat mich zumindest wieder in den Zustand, dass ich wieder wach sein will, gebracht. 🙂 Vermutlich wird die Energie bis zum Besteck heben beim Abendessen ausreichen und dann stehen nochmals 10 Stunden Schlaf auf dem Programm, um für morgen wieder fit zu sein. Ich bin zuversichtlich.

Viele Grüße aus den Bergen Italiens, 

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 24. Etappe und Tourenverlauf der 24. Etappe mit Fotos
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Bilder zu Etappe 24

Erkenne, wer Hilfe braucht - Sonnenaufgang am Berg

Der Weg von der Auronzo Hütte bei den Drei Zinnen zur Vandelli Hütte am Lago de Sorapis heute ist herausfordernd. Über etwa drei Kilometer überwinden wir eine Steigung von rund 500 Höhenmeter, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Und nicht alle überwinden diese Anhöhen so gut wie wir, es gibt immer wieder Menschen, die dabei Hilfe benötigen. Nicht immer erkennen wir jedoch, in welcher Lebenslage sich ein Mensch befindet. Doch später zu meinem Learning.

Wir erleben hier einen Traumtag! Start ist zum Sonnenaufgang in den Bergen (es gibt nichts Schöneres). Vorbei geht es an tiefblauen Seen, kleinen Quellen, wundervollen Aussichten in die Ferne, aber auch ein Stück Zivilisation. Ein Teil unseres Weges führt uns entlang der Straße und wir merken schon, dieses Panorama genießen wir nicht ganz allein, sondern eben mit ganz vielen Menschen, die sich ebenfalls – allerdings mit Bus oder Auto – auf den Weg gemacht haben.

Mein Learning des Tages ist, dass wir als Führungskräfte genau hinschauen und erkennen müssen, einerseits wer stark ist und andererseits wer aus unserem Team Hilfe benötigt. Dann müssen wir entsprechend Unterstützung leisten. Die Frage ist nur, schauen wir genau genug hin, um das zu erkennen? Können wir tatsächlich die Mitarbeiter, die wirklich stark sind, von denen unterscheiden, die nach außen vorgeben, stark zu sein? Um das zu erkennen, brauchen wir Empathie – und eine gewisse Nähe zu denen, die uns anvertraut sind (darüber habe ich gestern schon geschrieben).

Wann hast Du zuletzt genau hingeschaut, wer Deine Hilfe benötigt? Meine Empfehlung, tu es, bevor es – auf welche Weise auch immer – zu spät ist.

Grüße von hier oben,

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 22. Etappe und Tourenverlauf der 22. Etappe mit Fotos
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Bilder zu Etappe 22

Heute haben wir eine Begegnung ganz besonderer Art erleben dürfen, die mir wieder einmal gezeigt hat, dass man mit Vertrauen besondere Nähe schaffen kann – das gilt auch für uns Menschen. Unser Weg führt uns zum ersten Mal nach Italien rein, von der Obstansersee Hütte nach Sexten in Südtirol. Mein persönliches Highlight der Etappe war – neben den Gesprächen mit meinem Coachee, die auch von Vertrauen und Nähe gezeugt haben – eine herzige Begegnung mit einer Schafherde. Ich hole meine Kamera raus, um die Tiere verschiedenster Couleur zu filmen, da laufen die unerwartet nah auf uns zu. Sie scheinen gar nicht scheu zu sein, oder wenn, dann überwiegt eindeutig ihre Neugier. Und so kommen sie näher und näher, vertrauen uns, dass wir ihnen nichts Böses wollen und stupsen sogar mein Handy an. Einfach herrlich vertraut! So sind diese Nahaufnahmen entstanden:

Neugierige Schafe – wofür sie wohl mein Handy halten?

Ein Stück weiter sind wir den Schafen nochmal begegnet, da ziehen sie an uns vorbei – und ein flauschiger Nachzügler rennt hinterher, um die Herde einzuholen. Wahrlich faszinierende Tiere!

Ich finde, auch wir Menschen dürften untereinander uns viel mehr gegenseitiges Vertrauen schenken, vertrauensvolle Umgebungen schaffen und dadurch für Nähe sorgen. Gerade als Führungskraft ist es so besonders wichtig, dass wir unseren Mitarbeitern das Gefühl geben, dass sie uns vertrauen können und dass wir ihnen vertrauen. Denn Vertrauen ist die Basis für gute Führung und produktive Zusammenarbeit. Wir sollten darein vertrauen, dass unsere Mitarbeiter ihre Aufgaben schon gut machen werden, sollten sie für das Geleistete wertschätzen und eine Beziehung geprägt von Nähe aufbauen. Nur dann werden uns die Menschen auch mit Schwierigkeiten, Herausforderungen, persönlichen Problemen konsultieren und da zu unterstützen ist so wichtig für eine gelingende Zusammenarbeit.

Was habt ihr zuletzt getan, um Nähe und Nahbarkeit aufzubauen?

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 20. Etappe und Tourenverlauf der 20. Etappe mit Fotos
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Bilder zu Etappe 20

klettern auf Schnee

Der Weg heute vom Hochweißsteinhaus zur Porze Hütte hat beschwerliche Streckenabschnitte. Er führt uns über schmale Bergkämme, auf denen es gilt, in der Spur zu bleiben, um nicht zur einen oder anderen Seite zu fallen. Auch führt er uns über schneebedeckte Anhöhen. Bloß nicht rutschen, sonst liegen wir gleich wieder unten. Ab und an müssen wir wieder einmal klettern, um zum Ziel zu kommen. Heute gilt es auch, zwei meiner Wander-Coachees zu verabschieden und hinunter ins Tal ziehen zu lassen. In den vergangenen Tagen haben sie sich jeder in seinem Maß mit seinen eigenen Grenzen auseinandergesetzt und manche davon körperlich, manche psychisch herausgefordert und überwunden.

Und so ist eine Erkenntnis der Truppe, dass:

Wenn wir glauben, an unseren Grenzen angelangt zu sein, geht es immer noch weiter.

Fazit der Coaching-Gruppe

Diese Erkenntnis ist so wichtig, dass wir uns immer wieder selbst herausfordern, unsere Grenzen zu erkennen und mal aus unserer Komfortzone zu treten, um diese Grenzen zu erweitern. Doch nicht nur das Überwinden von Grenzen war für die Gruppe ein Gewinn. Sie haben auch, so sagen sie, die unterschiedlichsten Emotionen erleben, Energie tanken und feststellen dürfen, dass sie alle miteinander gut harmonieren als Führungsteam. Was für ein wundervolles Fazit unserer gemeinsamen Zeit. Und ein solches Erleben ist auch für mich unglaublich bereichernd: Wir waren gemeinsam ganz oben auf der Spitze, haben Adler gesehen und es war einfach nur cool! Herzlichen Dank für eure Begleitung und euer Vertrauen.

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 18. Etappe und hier der Tourverlauf von Etappe 18 mit Bildern
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Bilder zu Etappe 18

Wanderer

Heute bin ich den 2. Tag mit den Mitgliedern eines Führungsteams als meine Coachees unterwegs und wir erleben, welche herausragenden Leistungen wir in Kooperation schaffen. Nachdem wir am Vortag aufgrund des schlechter werdenden Wetters die Überquerung der Raudenspitze (2.507m) abgebrochen haben, gilt es, den 2. Anlauf zu nehmen. Bei Nebel sind wir von unserer Notunterkunft (die Übernachtung war auf dem Dachboden einer Almhütte) aufgebrochen und haben den Aufstieg ein 2. Mal begonnen. Interessant ist, dass der gleiche Weg nicht gleich erscheint, weil so viele Parameter anders sind: die eigene Wahrnehmungsfähigkeit, Temperatur, Gemütszustand, Stimmung in der Gruppe. Je höher wir kommen, desto besser werden die äußeren Bedingungen. Der Nebel lichtet sich und das erwartete schöne Wetter begrüßte uns auf ca. 2.100 m Höhe, genau an der Stelle, an der wir am Vortag abgebrochen hatten.

Der letzte Teil des Aufstiegs zur Raudenspitze beginnt. Steil, fordernd, Klettersteig und am Ende stehen wir zu viert auf dem Gipfel und die Alpen liegen uns zu Füßen. Ich blicke nach Norden zum Großvenediger und Großglockner, quasi ein Rückblick, wo mich die Tour bereits durchgeführt hat. Es ist erhebend, auf das Geschaffte zurückzublicken. Eine weitere Erkenntnis, wie richtig die Entscheidung des Vortages, abzubrechen, war. Die noch vor weniger als 24 Stunden gefühlte Niederlage bringt einen Sieg hervor, der nicht schöner hätte sein können.

am Gipfel

Der Blick nach Süden breitet die Dolomiten vor uns aus. Noch nicht vorstellbar, dass es in wenigen Tagen über diese schroffen Berge gehen soll. Respekt und Vorfreude breiten sich für einen Augenblick aus, doch es ist noch weit weg und noch genießen wir den Etappen-Höhepunkt im Hier und Jetzt. 

Zusätzlich werden wir von der Natur verwöhnt. Ein Adlerpaar umkreist in der Thermik der Mittagssonne den Gipfel. Einzigartig! Nach dem Eintrag im Gipfeltagebuch starten wir den herausfordernden Abstieg. Schritt für Schritt durch den Klettersteig. 

Fazit: Für den einen oder anderen ging es deutlich aus der Komfortzone und der Lohn ist die Erkenntnis, wie viel in einem steckt, vorausgesetzt man wird gut geführt. Das Team hat auf besondere Art zusammengewirkt und so haben die heutigen 8 gemeinsamen Stunden ein wunderbares Gemeinschaftserlebnis eines motivierten und kooperativen Teams hervorgebracht. Und erneut erlebe ich, was die Kraft eines Teams gemeinsam leisten kann.

Ich wünsche uns, dass wir alle die gute Kooperation unserer Teams ausreichend wertschätzen können.

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 17. Etappe und Tourenverlauf der 17. Etappe mit Bildern
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Das Leben ist eine Leinwand

Das Leben ist eine große Leinwand – bemale sie, so bunt Du kannst. Und: Jeder Augenblick hat eine besondere Botschaft. Beides Worte, die uns unterwegs begegnen und Worte, die auch zum heutigen Tag und unserer Aufstiegs-Niederlage passen. Doch auch dadurch lernen wir etwas: die Stärke, solche Niederlagen wegzustecken. Doch von vorne.

Weiter von Liesing geht es also heute nicht nur mit einem Coachee, sondern gleich einem ganzen Team. Dieses unglaublich tolle Team aus drei Führungskräften begleitet mich ein Stück auf meinem Weg nach Venedig. Ich bin dankbar für dieses Geschenk, diese wertvollen und starken Menschen an meiner Seite zu haben. Fürsorge, Mut, Führungs- und Entscheidungsstärke und Freude zeichnen diese Gruppe aus. Und so wandern wir auf steilen Pfaden vorbei an fantastischen Ausblicken ins Tal, auf die nächsten oder übernächsten Berggipfel oder in die Wolken, die den Berg umhüllen… Und es werden mehr und mehr Wolken, das Wetter verschlechtert sich zusehends! Geplant war als Ziel das Hochweißsteinhaus – doch auch starke Menschen können scheitern. In unserem Fall hat uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht und zum Abstieg gezwungen. Und so hängen wir heute Abend auf einer Alm (Enderberghütte) „in the middle of nowhere“. Alle gesund, das ist die Hauptsache. Und wahre Stärke ist, sich durch diese Niederlage nicht unterkriegen zu lassen! Morgen versuchen wir es erneut.

Immer wieder ein Impuls, etwas, was uns nachdenklich macht unterwegs. Tiefgehende Fragen treiben mich und auch meine Coachee-Gruppe um, Anlässe zum Nachdenken haben wir Menschen ja mehr als genug. Und zum Denken an und über Menschen. Danke für euch alle!

In Liebe und Gedanken an meine Frau Hanne,

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 16. Etappe und Tourenverlauf der 16. Etappe mit Bildern
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Lienz

In der Sonnenstadt Lienz habe ich mir gestern (am Samstag) einen Tag Pause und Erholung gegönnt, bevor ich heute mit meinen ersten Coachings begonnen habe. Meinen ersten Walk&Talk-Coachee durfte ich also in Lienz begrüßen und als „Coaching-Bergführer“ mit auf einen weiteren Abschnitt meines Wegs Richtung Venedig mitnehmen. Ein wenig Zeit für Sightseeing in Lienz blieb dabei auch noch. Dieser Tag, so wie all die weiteren, auf denen mich Menschen im Rahmen des Coachings begleiten, steht demnach ganz im Sinne des Walk&Talks und meine Begleitung erhält 100% meiner Aufmerksamkeit. Wie im Vorwort bereits angekündigt, bleiben die Themen, die uns in den Tagen beschäftigen, im Vertraulichen zwischen uns, weshalb ich hier nicht über meine Coaching-Tage inhaltlich berichten werde.

Was mich beim Frühstück heute jedoch fasziniert hat, ist ein kurzer Artikel gewesen. Der trug passenderweise den Titel: Gute Führungskräfte sind wie Bergführer. Ja, dieses Bild finde ich sehr treffend formuliert. Eine Führungskraft hat wie ein Bergführer dafür zu sorgen, dass der Weg allen bekannt und frei von Steinen und Geröll ist. Sie nimmt ihr Team auch mal an die Hand, wenn der Weg zu steil oder zu eng wird und passt auf, dass alle sicher und heile oben ankommen. Sehr schönes Bild – das trifft in den Tagen meiner Coachings auch in einer Art auf mich zu. Und für euch, die mich hier online begleiten, bin ich quasi ein virtueller Bergführer ;-).

In diesem Sinne grüßt euch euer (virtueller) Bergführer,

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 14. Etappe
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