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Nach einer wunderbaren Hotelparty und einer geruhsamen Nacht ohne Schnarchgeräusche von Zimmergenossen, beginnt die zweitletzte Etappe bis Venedig. Noch 80 Kilometer bis zum Ziel. Ich starte gegen 08:30 Uhr und die Länge des Weges möchte ich davon abhängig machen, wo ich einen schönen Schlafplatz an der Piave finde. Die Perspektive ist ein flacher Weg, der über weite Strecken entlang des Flusses Piave gehen sollte und am Ende deutlich länger wurde als erwartet – zum längsten Tag.

Die ersten Kilometer sind nicht so schön, weil der Weg hauptsächlich entlang der Straße führt, bis endlich die Piave erreicht ist. Nur auch die Wegführung entlang des Flusses ist zunächst mühsam, weil die Kieswerker nicht wirklich auf Wanderer Rücksicht nehmen. Die Temperaturen steigen schnell auf deutlich über 35 Grad, was den Weg nicht einfacher macht. Der Tag wird sich am Ende zum längsten Tag der Tour entpuppen, weil ich die blödeste Entscheidung überhaupt getroffen habe, die man für diesen Tag hätte treffen können. 

Längste Wegstrecke meiner Wanderung

Die Wanderkilometer reihen sich einer an den anderen, die Hitze setzt mir zu und der flache Weg stellt sich als deutlich anstrengender heraus als ich es gedacht hätte. Mental gibt es wenig Ablenkung und die permanente und gleiche Belastung der Muskulatur bei diesen Temperaturen wird mit der Zeit ein Problem. In den Bergen gibt es einen regelmäßigen Lastwechsel, so dass immer wieder andere Muskelgruppen angesprochen werden. Nach 2 Stunden bergauf freut man sich auf die Passagen bergab und umgekehrt. Belastete Muskulatur kann sich entspannen und auch der Tritt ist für die Füße wesentlich abwechslungsreicher und bringt Entlastung. In der Ebene gibt es nur einen Bewegungsablauf und das ermüdet.

Ich merke auch, dass der Schuh enger wird, weil die Füße langsam dicker werden. Insgesamt sollen es heute ganze 45 Kilometer sein, die mich meine Füße tragen. Es gilt, möglichst weit zu kommen, um morgen wie geplant das Ziel Venedig auch wirklich zu erreichen.

Der Tag in Bildern

Eine schlechte Entscheidung

So geht der Tag dahin und erfährt nur in einer keinen Ortschaft zur Mittagspause etwas Abwechslung. Nachmittags gönne ich mir noch eine ausgiebige Badepause im Fluss, um den Körper und vor allem die Füße abzukühlen. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang finde ich nach gut 10 Stunden in den Schuhen ein kleines Wäldchen an der Piave, das ich zum Nachtquartier erkläre. Erst nehme ich noch ein Bad und töte die eine oder andere Schnake. Bis ich dann endlich das Nachtlager eingerichtet habe und meine Feldbrotzeit zu mir nehme, erkenne ich, welchen fatalen Fehler ich gerade mache.

Die Schnaken nehmen überhand und werden zum echten Problem. Der Schutz im Schlafsack ist aufgrund der Wärme ebenso unerträglich, so dass ich mit dem letzten Licht entscheide, diese Nacht nicht im Freien zu verbringen. Wo auch immer ich schlafen werde – keine Ahnung, ich werde es sehen.

So wandere ich weiter und kann die Insekten hinter mir lassen. Der nächste Ort ist gute 5 Kilometer weiter und hurra, hurra, eine Pizzeria und das Hotel Italia sind kurz vor 23 Uhr nach 45 Tageskilometern meine Rettung. Am Ende finde ich eine gute Nachtruhe und mein Körper wird die nächsten Tage etwa 300 plus Mückenstiche verarbeiten müssen. Die Müdigkeit ist Gott sei Dank so groß, dass diese Nacht nicht durch das Jucken der Stiche behindert wird. Und so endet auch dieser längste Tag und die Hauptmotivation ist das Ziel VENEDIG für den nächsten Tag. Um der Hitze zu entgehen, ist der Start für 06:00 Uhr geplant. 

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 30. Etappe und Tourenverlauf der 30. Etappe mit Fotos
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Inzwischen ist ein gerüttelt Maß an Routine eingekehrt und doch habe ich beim Abstieg von der Hütte Giovanni Angelini wieder herausfordernde Klettersteige zu überwinden und jeder Schritt, jede Sicherung fordert 100% Aufmerksamkeit. Auch im Berufsleben und als Führungskraft sind wir in unseren Routinen, in der Komfortzone. Es fühlt sich alles sehr gewohnt an und dennoch braucht es in allen Belangen jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und für jede Handlung die notwendige Sorgfalt und Aufmerksamkeit, um Fehler zu vermeiden. Und dennoch können falsche Entscheidungen korrigiert werden, wenn Fehler entstanden sind. Diese Wahrnehmung und Erkenntnis am Vormittag soll sich nach einer sehr motivierenden Begegnung mit Reno und Gwen aus Treviso bzw. Frankfurt nochmals am Nachmittag ins Bewusstsein bringen. Doch zunächst die Geschichte von zwei wunderbaren Menschen, mit denen ich zur Mittagspause auf der Refugio Pramper zusammentreffe.

Ich frage, ob an dem Tisch der beiden noch ein Platz frei ist und wir kommen schnell ins Gespräch. Wie sich herausstellt, sind beide Purser, also Chefsteward/ess, bei einer großen deutschen Airline. Führungskräfte, die dafür verantwortlich sind, dass die Kabinen-Crew, die für jeden Dienstzyklus immer wieder neu zusammengestellt wird, von der ersten Minute an funktioniert. Jeder im Team muss mit Aufmerksamkeit und Sorgfalt seine Aufgaben, seine Routinen abarbeiten, damit die Reise für den Fluggast so angenehm wie möglich ist. Hier ist Führung par excellence gefordert. 

Das Paar hat sich vor gut einem Jahr entschieden, die Wohnung in der Nähe von Frankfurt aufzugeben und an einen Ort zu ziehen, der einen hohen Lebenswert hat. Da alle Einsätze von Frankfurt aus geflogen werden, muss dieser Ort einen Flughafen mit einer gewissen Frequenz nach Frankfurt haben, da die beiden eben nicht mit der S-Bahn oder dem Auto, sondern mit dem Flieger zur Arbeit anreisen. Die Wahl ist auf Treviso gefallen. Das Experiment ist bisher geglückt, sie haben Anschluss gefunden, leben in einer pulsierenden italienischen Stadt nahe den Bergen, nahe an Venedig und der Adria. Ein Lebensmodell, das nicht alltäglich ist und Mut erfordert, etwas auszuprobieren. Und wenn es nicht funktioniert, dann muss man die Entscheidung korrigieren.

Wenn man darüber nachdenkt, gibt es wenige Entscheidungen im Leben, die nicht korrigierbar wären, wenn sich herausstellt, dass man falsch entschieden hat. Und auch das ist eine wichtige Führungseigenschaft, falsche Entscheidungen zu korrigieren. Doch diese Lektion sollte ich erst am Folgetag unter schwersten Bedingungen lernen. Ich bin Reno sehr dankbar für einen Dialog, den wir in den folgenden Tagen geführt haben. Ich habe in ihm einen Sparringspartner gefunden, der die Berge und das, was hier alles passieren kann, aus eigener Erfahrung bewerten und einordnen kann. Wir brechen nach dem  Mittagessen gemeinsam auf, haben noch einige Meter, die wir gemeinsam marschieren, bevor sich unsere Wege wieder trennen.

schwierige Witterungsbedingungen hier über den Wolken

Ich habe einen Aufstieg vor mir, der sich als noch herausfordernder erweisen wird, als es das Studium der Karte hätte vermuten lassen. So zieht sich der Gedanke von Sorgfalt und Aufmerksamkeit über den gesamten Nachmittag, weil das Gelände schwierig und auch das Wetter nicht mehr ganz klar ist. Die Tour führt mich über die Wolken – Regen, Gewitter und Wind machen mir das Leben schwerer als gedacht, so dass ich fast 12 Stunden unterwegs bin, bis ich mein Ziel erreiche. Mit hoher Konzentration, Sorgfalt und Aufmerksamkeit in der absoluten Wanderroutine komme ich auch am 26. Wandertag gesund an mein Ziel, wobei ich merke, wie herausfordernd diese tägliche Routine ist.

Soweit mein heutiges Erleben,

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 26. Etappe und Tourenverlauf der 26. Etappe mit Fotos
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Videos & Bilder zu Etappe 26

Zusammenfassung von Etappe 26
Mein Anblick den Berg hinauf und hinab
Badesee

Der 6. Tag von Flintsbach nach Kufstein steht nach den Strapazen der ersten Woche unter der Entscheidung, meine Ressourcen etwas zu schonen. Die heutige Etappe war mit 20 km verhältnismäßig kurz und führte mich an zwei Badeseen vorbei, die ich bewusst für Pausen genutzt habe. Umso bedeutsamer ist das Tagesmotto! In den ersten 5 Tagen habe ich die Begrenztheit meiner körperlichen Ressourcen und Möglichkeiten deutlich vor Augen geführt bekommen… Ursprünglich geplant war diese Route über das Berchtesgadener Land (das ist emotional der Tatsache geschuldet, dass ich dort fast 3 Jahre gelebt und gearbeitet habe).

Jedoch habe ich im Hinblick auf das Gesamtziel, Venedig vor Ende Juli zu erreichen, und das Etappenziel Lienz mit Ankunft am 05.07. und der Einhaltung einer Regenerationszeit, bevor ich mit Klienten über 7 Tage unterwegs sein werde, sehr klar erkannt, dass ich meine Wunschroute jetzt aufgeben muss. Daher die Entscheidung zum Schonen meiner Ressourcen, nicht über den Chiemgau in Richtung Berchtesgadener Land, sondern direkt nach Süden entlang des Inn nach Kufstein zu wandern. Es gilt, die emotionalen Aspekte hinter die objektive Machbarkeit im Rahmen von Zeit und Ressourcen zu stellen.

Auch das ist Führungsarbeit vom Feinsten, weil wir als Führungskräfte auch immer wieder gefordert sind, das große Ziel vor Augen zu haben und damit die Etappenziele entsprechend zu justieren. Das kann bedeuten, dass wir nicht die beliebteste, sondern die bestmögliche Entscheidung treffen. Das geht allerdings nur, wenn ich wirklich weiß, wo ich hin möchte, wenn ich meine verfügbaren Ressourcen richtig einschätzen, Ressourcen schonen und mich trennen kann („ent-scheiden“).

Impressionen von einem Ressourcen schonenden heutigen Weg

Werdet euch eurer eigenen (körperlichen, monetären, humanen…) Ressourcen bewusst und lernt, sie vernünftig einzuteilen, auch wenn das bedeutet, mal einen Gang herunterzuschalten und Pausen einzulegen. Ich wünsche euch, dass ihr mit ausgeglichenen Ressourcen vorangeht, ob in der Führung anderer oder in der Selbstführung gleichermaßen.

In diesem Sinne, auf unser aller Wohl,

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 6. Etappe
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Bilder zu Etappe 6

Eine Nacht geschlafen, ausgeruht, gut gegessen und mit frischer Kraft wieder in die Stiefel gestiegen. Manchmal sind es die Kleinigkeiten: einfach schlafen und essen und am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Und das kann ein guter Grundsatz sein, wenn es uns mal nicht so gut geht, schlafen, essen und dann am nächsten Tag weiterschauen. Ich schaue heute auf 25 Bergkilometer zurück mit wunderschönen Aussichten. Es geht von der Fischbachau nach Flintsbach am Inn.

Beste Aussichten

Meine Aussicht vom Breitsteinfenster

Mein Learning: alle Vorbereitung bis hierher war zwingend notwendig – wer in der Planung versagt, plant sein Versagen. Die Zweifel habe ich über Bord geworfen und ich habe meine Motivation wiedergefunden. Zum Glück! Heute geht es zum ersten Mal in hochalpines, schwieriges Gelände, aber es macht unglaublich Freude. Erster Lohn des Tages: Das Breitsteinfenster.

Ausblick von einer Almwiese mit Blick auf den Breitensteingipfel

Ganz im Sinne des Walk&Talk treffe ich heute auf eine Reihe von netten Menschen, die mich ein Stück meines Weges begleiten. Zusammen wandert es sich doch netter als allein. Heute lasse ich euch an verschiedenen Stopps auf meinem Weg in Form von Video-Aussichten teilhaben – auch wenn das natürlich nie an das echte Erleben herankommt. Nichtsdestotrotz könnt ihr auf diese Weise mir folgen, ohne wirklich dabei (gewesen) zu sein.

Öffne Dich für neue Begegnungen

Meine Gedanken auf dem Weg Richtung Wendelstein: Offenheit gegenüber Menschen ist wichtig

Die Gedanken aus dem Video nochmal verschriftlicht: Meine Routenplanungs-App sagt, dass ich durch den Umweg über den Breitenstein etwa 25 Minuten an Zeit „verloren“ habe. Was sind 25 Minuten, wenn man sich einen ganzen Tag Zeit genommen hat? Und manchmal ist es auch im Geschäftsleben gut, wenn wir Gelassenheit üben und uns darüber freuen, dass wir wieder auf dem Weg zurück sind anstatt darüber zu grämen, 25 Minuten Zeit verloren haben. Zeit ist so relativ und die Frage ist doch immer: Was haben wir in dieser Zeit erlebt?

Ich habe drei wunderbare Menschen auf dem Weg getroffen und hier oben, wo so wenige sind, ist es so leicht miteinander in Kontakt zu kommen. Und dort, wo so viele sind – in der Stadt, in einem großen Unternehmen – ist es so schwer, in Kontakt zu kommen. Da sitzen die, die zusammen arbeiten auch in der Kantine oder im Mitarbeiterrestaurant zusammen anstatt sich mal zu Kollegen zu setzen und sich zu öffnen, mit anderen Kontakt aufzunehmen und zu fragen: Wer bist Du denn? Wo kommst Du denn her? Und was machst Du hier im Unternehmen? Was ist Dein Job? Kann ich vielleicht etwas dafür tun, dass Deine Arbeit leichter wird? Mit diesen Gedanken gehe ich weiter auf dem original geplanten Weg Richtung Wendelstein.

Zeit für Dankbarkeit

Nach meiner Krise gestern, spüre ich heute eine tiefe Verbundenheit zur Natur und Dankbarkeit. Dankbar bin ich für die Menschen, die mich unterstützen und begleiten, für die Funktionalität und Gesundheit meines Körpers und die wunderbaren Landschaften und reichen Tage, die ich hier erleben darf. Und nicht zuletzt dafür, dass ich hiermit einen Herzenswunsch erfüllen darf, der nach 20 Jahren in Erfüllung geht. Auch daran lasse ich euch im Video teilhaben:

Als Führungskraft macht euch Gedanken, für wen und was ihr dankbar seid. Wenn es Menschen gibt, gegenüber denen ihr Dankbarkeit verspürt, dann lasst es sie wissen, sagt Danke und gebt ihnen Anerkennung für das, was sie geleistet haben. Würdigt den Schatz, den ihr in den Händen haltet und schaut, dass es immer weiter geht.

In Dankbarkeit,

Euer Markus F. Weidner

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Meine Tourplanung der 5. Etappe
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Videos & Bilder zu Etappe 5

Zusammenfassung des Tages