Mit dem Rifugio Col Visentin habe ich den letzten hohen Punkt meiner Reise nach Venedig erreicht. Von nun an geht es geografisch gesehen nur noch bergab. So steht es in einer Wegbeschreibung. Und in der Tat, ich verliere sehr schnell an Höhe und bin mental auf „bergab“ eingestellt. Daher stellt sich eher unerwartet ein letztes Mal eine Erhöhung von immerhin 300 Metern in den Weg und ich merke, wie der Kopf mit einer Bergab-Einstellung nur widerwillig die Steigungen annehmen möchte. Doch unverhofft ist heute noch einiges anderes.

Sehr schnell nehme ich auch die steigenden Temperaturen wahr. Die bergige Vegetation wandelt sich zu einer mediterranen und wo ich in der Ebene hinschaue, ich sehe Wein, Wein, Wein. Diese Region bringt den weltberühmten und -beliebten Prosecco hervor. An jeder Ecke ist ein Weinhof, der Prosecco anbietet. Schade, dass meine Ladekapazität bei Null liegt. Dennoch, eines nehme ich mit: den physischen Bezug zu dieser Region, die mir zukünftig immer in Erinnerung kommen wird, wenn ich einen Prosecco bestelle. 

Beschwerlicher Weg…

Schade nur, dass es keine Wanderwege gibt, so bleibt nur die Straße und der Asphalt, der unter meinen Schuhen glüht. Das wird leider noch schwerwiegende Folgen haben. Ich merke schnell, wie die Straße einerseits Langeweile hervorruft und auf der anderen Seite die Gehbelastung  nur noch bestimmte Muskelgruppen anspricht und damit anstrengend wird. Nach vielen Hüttenübernachtungen mit sehr eingeschränktem Komfort und hohem Schnarchfaktor habe ich gerne die Anregung eines Reiseführers aufgegriffen, ein komfortables 4* Hotel in einer kleinen Gemeinde namens Susegana anzusteuern in der Hoffnung, dass dort ein Zimmer verfügbar ist. 

Zusammenfassung meines Wegs bei Etappe 29

Einziges Problem ist, ich weiß nicht ganz genau, wo das Hotel liegt und die Netzverfügbarkeit ist leider erheblich eingeschränkt, so dass ich kein Internet verfügbar habe. Beim Weg nach Susegana höre ich für einige Zeit entfernt laute Musik. Fast im Ort angekommen, ist die erste Person, die ich nach dem Weg fragen kann, ein Jogger, der meinen Weg kreuzt. Er ist ein Glücksfall, denn er ist Gast in eben diesem Hotel. Da es so unendlich heiß ist, „walken und taken“ wir gemeinsam zum Hotel, das zu allem Überfluss eine Hanglage hat, so dass es zum Ende des Tages nochmals einige elende Meter bergauf geht. 

…und schöne Überraschungen

Mein Zufalls-Guide berichtet, dass im Hotel eine große Party stattfindet. Das Haus habe ein neues Management, das offenbar eine Art Eröffnungs- oder besser eine Übernahmeparty feiert. Oh, oh, hoffentlich ist noch ein Zimmer frei.
Im Hotel angekommen gibt es die große Überraschung. Erstens ist ein Zimmer frei, ich erhalte ein kleines Upgrade in eine Junior-Suite und die Einladung, als Hausgast an der Party teilzunehmen. Gerne nehme ich die Einladung an und mische mich unter die Gäste und verwöhne meinen Gaumen am Buffet. Auch wenn die Übernachtung etwas teurer ist, das geschenkte Buffet macht den Tagesdurchschnitt auf der Kostenseite wieder gut. Musik, Unterhaltung, nette Menschen, eine erhabene Terrasse mit Blick ins Tal – mehr kann man sich nach einem langen Wandertag nicht wünschen. Unverhofft kommt oft. 

Was lerne ich aus dem Tag? Es gibt, wie Etappe 27 in der Schiara gezeigt hat, immer wieder auch schwere Prüfungen, vor die wir gestellt werden. Auf der anderen Seite gibt es ebenso schöne Überraschungen, die wir mit Freude annehmen und integrieren dürfen. Nach Regen kommt wieder Sonnenschein, wir dürfen nur nicht den Mut und das Vertrauen an das Gute verlieren. Wir müssen – egal ob privat, als Mitarbeiter oder als Führungskraft – einfach weiter vorangehen, dann wird uns auch wieder das Gute zuteil.

Euer Markus F. Weidner

Links:
Meine Tourplanung der 29. Etappe und Tourenverlauf der 29. Etappe mit Fotos
Meine gesamte Tourplanung und Tracking

Bilder zu Etappe 29

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